Die aktuelle Tierseuchenlage in Deutschland, Europa und weltweit ist weiterhin durch eine hohe Dynamik und zunehmende Komplexität gekennzeichnet. Neben etablierten Seuchen mit endemischem Charakter treten immer wieder Ereignisse auf, die neue epidemiologische und handelspolitische Herausforderungen mit sich bringen.
Ein zentrales Thema bleibt die hochpathogene aviäre Influenza (HPAI). Das Virus ist inzwischen als endemisch in Europa zu betrachten und zirkuliert ganzjährig in Wildvogelpopulationen. Im Jahr 2025 rückte insbesondere das ausgeprägte Infektionsgeschehen bei Kranichen in den Fokus. In mehreren Regionen Deutschlands wurden zahlreiche HPAI-Nachweise bei Kranichen festgestellt, teilweise verbunden mit hohen Mortalitätsraten in Rast- und Sammelgebieten. Parallel hierzu kam es zu einer hohen Zahl von Viruseinträgen in Nutzgeflügelbestände. Diese Entwicklung verdeutlicht die anhaltend hohe Bedeutung der Schnittstelle zwischen Wildvogelpopulationen und Geflügelhaltungen für die Epidemiologie der HPAI.
Doch auch eine weitere Erkrankung beim Geflügel hat in 2026 zu erheblichen Verlusten geführt: die Newcastle-Krankheit. Nach über drei Jahrzehnten ohne vergleichbares Geschehen in Deutschland, trat die Erkrankung in Geflügelhaltungen in Brandenburg und Bayern auf. Dabei wurden unterschiedlichen Krankheitsverläufen beobachtet. Die Ausbrüche verdeutlichen, dass auch über lange Zeiträume nicht oder nur sporadisch auftretende Tierseuchen jederzeit wieder relevant werden können.
Auch die Afrikanische Schweinepest (ASP) prägt weiterhin das Tierseuchengeschehen. Nach dem erstmaligen Auftreten 2020 bei Wildschweinen in Brandenburg und Sachsen konnten durch intensive Bekämpfungsmaßnahmen zahlreiche Restriktionsgebiete aufgehoben werden. Mit dem aktiven Geschehen in Hessen und Nordrhein-Westfalen, sowie dem Neueintrag in 2026 in Sachsen wurde jedoch deutlich, dass die Seuche weiterhin ein erhebliches Risiko darstellt und regionale Erfolge jederzeit durch neue Einträge gefährdet werden können. Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche (MKS) im Januar 2025 in Brandenburg hat darüber hinaus eindrücklich verdeutlicht, welche weitreichenden Folgen bereits ein lokal begrenztes Seuchengeschehen haben kann. Neben den unmittelbaren tierseuchenrechtlichen Maßnahmen waren insbesondere erhebliche handels- und wirtschaftspolitische Konsequenzen für Deutschland zu berücksichtigen. Das Ereignis unterstreicht die besondere Bedeutung einer frühzeitigen Erkennung, einer raschen epidemiologischen Abklärung und eines konsequenten Krisenmanagements bei hochkontagiösen Tierseuchen.
Die Blauzungenkrankheit (BTV), insbesondere BTV-3, führte 2024 zu deutlichen Auswirkungen auf Tiergesundheit und Produktion. Auch wenn die Auswirkungen in 2025 nicht so extrem waren, hat das Auftreten von BTV-8 in Bayern und Baden-Württemberg sehr deutlich gezeigt, dass auch andere Serotypen in den Nachbarländern vorkommen und jederzeit zu uns eingetragen werden können.
Eine weitere Tierseuche, die Lumpy Skin Disease (LSD) ist in unseren europäischen Nachbarländern – zunächst in Italien und Frankreich, später auch in Spanien – in 2025 aufgetreten. In den betroffenen Regionen führte sie zu erheblichen Einschränkungen, darunter verpflichtende Impfprogramme sowie umfangreiche Handelsrestriktionen. Insbesondere das Auftreten in Südfrankreich macht deutlich, dass eine Verschleppung über größere Distanzen möglich ist. Vor diesem Hintergrund ist es auch für Deutschland erforderlich, sich frühzeitig und umfassend auf ein mögliches Auftreten dieser Erkrankung vorzubereiten.
Neben diesen bekannten Erkrankungen kam es in 2026 v.a. im Süden von Deutschland, sowie in Frankreich und der Schweiz zum Auftreten einer neuen Erkrankung, verursacht durch ein Shamonda-ähnliches Virus, das bei betroffenen Rindern zu Milchrückgang, Fieber und Durchfall führt und erhebliche wirtschaftliche Schäden verursacht.
Insgesamt zeigt sich damit, dass das Tierseuchengeschehen zunehmend durch paralleles Auftreten mehrerer Seuchen, komplexe Übertragungswege und internationale Verflechtungen geprägt ist. Eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit, ein fundiertes epidemiologisches Verständnis sowie flexible, evidenzbasierte Bekämpfungsstrategien sind entscheidend, um auf diese Herausforderungen angemessen reagieren zu können.