Mental Health beim alten Hund - mehr als nur kognitive Dysfunktion?

08:45 - 09:15 Uhr Sa. 06. Feb.

Beschreibung

Unsere Hunde werden älter – und mit dem Alter verändert sich mehr als nur das Gedächtnis. Mental Health beim alten Hund umfasst Kognition, Emotion und Schlaf: Ängstlichkeit, nächtliche Unruhe, sozialer Rückzug und ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus prägen den Alltag oft stärker als die reine Vergesslichkeit, und Schmerz, Seh- und Hörverlust sowie internistische Begleiterkrankungen wirken auf all das zurück. Im Zentrum steht dabei das canine kognitive Dysfunktionssyndrom (Canine Cognitive Dysfunction Syndrome, CCDS): Jeder dritte Hund ab zwölf Jahren und mehr als jeder zweite ab fünfzehn Jahren zeigt entsprechende Zeichen. Es beginnt früher: Schon bei Hunden über acht Jahren finden sich Auffälligkeiten, die als „normales Altern“ abgetan werden. So bleibt das Syndrom unterdiagnostiziert, obwohl es fortschreitet und die Lebensqualität von Hund und Halterfamilie stark beeinträchtigt.

Der Vortrag behandelt drei Punkte: die Beratung zur Früherkennung und Vorbeugung, die strukturierte Ausschlussdiagnostik – die zugleich die übrigen Facetten der Mental Health sichtbar macht – und den individuellen Therapieplan, der Gehirnstoffwechsel, Verhalten, Umfeld und Halterfamilie gleichermaßen adressiert. Am wichtigsten ist die Früherkennung, denn die frühen Warnzeichen entgehen Haltern und Tierärzten gleichermaßen häufig.

Neue Leitlinie. Ende 2025 hat die international besetzte CCDS Working Group im Journal of the American Veterinary Medical Association erstmals eine standardisierte Definition und praktikable diagnostische Kriterien vorgelegt [1]. CCDS gilt dort als chronisches, progressives, altersassoziiertes neurodegeneratives Syndrom mit kognitiven und Verhaltensänderungen unterschiedlicher Alltagsrelevanz. Vorbild waren die Rahmenwerke der Alzheimer-Forschung, denn der alternde Hund gewinnt als natürlich vorkommendes Modell der Alzheimer-Erkrankung an Bedeutung. Zugrunde liegen ein veränderter Gehirnstoffwechsel, verschobene Neurotransmitter-Level, Gefäßveränderungen, Entzündung und Eiweißablagerungen; neuropathologisch finden sich kortikale Atrophie, Amyloid-Ablagerungen, Myelinverlust, Neuroinflammation und eine Amyloidangiopathie.

DISHAA. Die klinischen Zeichen fasst das Akronym DISHAA zusammen: Disorientation (Verirren in vertrauter Umgebung, Anstarren von Wänden), Interaction (vermindertes Interesse an Menschen und Artgenossen oder vermehrte Anhänglichkeit), Sleep-wake cycles (gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus, nächtliche Unruhe und Vokalisation), House soiling und Verlernen (Unsauberkeit, Verlust bekannter Kommandos), Activity (Apathie oder zielloses Umherlaufen) und Anxiety (neue oder verstärkte Ängste). Bei der Katze steht die Vokalisation so im Vordergrund, dass das Akronym dort VISHDAAL lautet; beim Hund gehört sie meist zur Schlafstörung und zur Angstsymptomatik.

Drei Schweregrade. Mild: subtile, seltene Veränderungen ohne Auswirkung auf die normale Funktion. Genau dieses Stadium wird dem Alter zugeschrieben und bleibt unerkannt. Moderat: deutlichere Zeichen mit Folgen für den Alltag, das Management muss angepasst werden. Schwer: offensichtliche Defizite, die Grundfunktionen einschränken und eine umfassende Betreuung erfordern [1].
Screening. Ab sieben Jahren gehört ein jährliches Screening auf Verhaltenszeichen dazu, praktikabel über einen kurzen Senioren-Fragebogen im Wartezimmer. Werden Auffälligkeiten berichtet, folgt eine CCDS-Skala mit halbjährlicher Verlaufskontrolle; ab zehn Jahren wird die halbjährliche Skala für alle Hunde empfohlen, denn erst der Verlauf des Scores sagt etwas über den einzelnen Patienten aus. Empfohlen wird die DISHAA-Skala; Alternativen sind die Canine Cognitive Assessment Scale, CADES und der CCDR [1].

Ausschlussdiagnostik. Viele Alterserkrankungen erzeugen Verhaltensänderungen innerhalb der DISHAA-Domänen, CCDS bleibt daher eine Ausschlussdiagnose [2]. Nötig sind eine gründliche Allgemeinuntersuchung samt orthopädischer, ophthalmologischer und neurologischer Untersuchung sowie Blutbild, Serumchemie, Urinuntersuchung und Blutdruckmessung. Besonders zu prüfen sind Schmerzen (Osteoarthrose, Zahnerkrankungen), Seh- und Hörverlust, endokrine Erkrankungen und Arzneimittelwirkungen; die Zeichen müssen nach Behandlung der relevanten Komorbiditäten fortbestehen. Fokale oder lateralisierte Befunde wie Kopfschiefhaltung, einseitiges Kreisen oder Hirnnervenausfälle und neu aufgetretene epileptische Anfälle sprechen für eine andere Ursache: Dann gehören MRT und Liquoruntersuchung vor die Verdachtsdiagnose.

Zwei Sicherheitsstufen. Level 1 verlangt eine konsistente Anamnese progressiver DISHAA-Zeichen, den Ausschluss anderer Ursachen, einen neurologisch unauffälligen Befund oder Hinweise auf eine symmetrische, diffuse Vorderhirnfunktionsstörung sowie fortbestehende Zeichen nach Behandlung der Begleiterkrankungen. Level 2 ergänzt ein MRT mit kortikaler Atrophie bei normaler Liquorzellzahl [1]. So wird die Diagnose in der Primärversorgung belastbar und für Studien vergleichbar.

Risikofaktoren. Neben dem Alter begünstigt die idiopathische Epilepsie die Entwicklung einer Demenz: Betroffene Hunde zeigen früher und deutlicher kognitive Einbußen, besonders bei hoher Anfallsfrequenz und Pharmakoresistenz [4]. Bei diesen Patienten lohnt sich eine frühe Prophylaxe.

Therapie und Prophylaxe. Heilen können wir CCDS nicht, aber den Verlauf verlangsamen und die Lebensqualität verbessern: Begleiterkrankungen behandeln, die Ernährung anpassen, Supplemente für den Gehirnstoffwechsel einsetzen (siehe Tabelle), mental fördern und in Einzelfällen Medikamente geben. Angepasste Fütterungsansätze und Kombinationspräparate haben bei alten und dementen Hunden die kognitive Leistungsfähigkeit deutlich verbessert [5]. Mittelkettige Fettsäuren (MCT), die wir selbst intensiv untersucht haben, liefern der Nervenzelle eine alternative Energiequelle und verbessern die mitochondriale Funktion; beschrieben sind auch antikonvulsive und anti-entzündliche Effekte sowie Wirkungen auf das Mikrobiom [5,6]. Omega-3-Fettsäuren, B-Vitamine, Antioxidantien und mitochondriale Cofaktoren wirken ebenfalls günstig. Welche Kombination passt, muss individuell ausgelotet und im Verlauf angepasst werden.

Medikamente. Zugelassen ist beim Hund allein Selegilin, ein Hemmer der Monoaminooxidase B, der den Dopaminabbau verzögert und freie Radikale vermindert. Der Wirkungseintritt braucht Wochen, und es gibt Interaktionen, vor allem mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und Trizyklika, sowie Hyperaktivität durch steigende Katecholaminspiegel. Je nach Klinik kommen Antidepressiva (z. B. Fluoxetin), Anxiolyse oder eine leichte Sedation zur Nacht (Gabapentin, Melatonin, Trazodon) infrage. In einer Befragung US-amerikanischer Tierärztinnen und Tierärzte war Selegilin die häufigste Empfehlung, doch nur etwa ein Drittel hielt es für wirksam [3]. Levetiracetam wirkt beim Menschen neuroprotektiv und verbessert die Kognition bei Alzheimer-Patienten mit Anfällen; kontrollierte Daten beim Hund fehlen bislang.
Umfeld und Halterberatung. Das Nicht-Medikamentöse trägt einen großen Teil: moderate, regelmäßige Bewegung, kurze Trainingseinheiten mit positiver Verstärkung, Futtersuchspiele und Nasenarbeit, feste Tagesabläufe und eine sichere, gut beleuchtete, rutschfeste Umgebung mit erreichbarer Lösemöglichkeit. Genauso wichtig sind die Menschen am anderen Ende der Leine: Gestörter Nachtschlaf, Unsauberkeit und das Gefühl, das eigene Tier nicht mehr zu erreichen, belasten erheblich. Realistische Erwartungen, dokumentierte Verlaufskontrollen und ein früh geführtes, offenes Gespräch über Lebensqualität und Sterbebegleitung gehören deshalb von Anfang an zum Therapieplan.
Literaturverzeichnis
1. Olby, N.J., Araujo, J.A., Gruen, M.E., Johnson, P., Kubinyi, E., Landsberg, G., Latimer, C.S., McGrath, S., McKenzie, B., Moreno, J.A., Tarantino, M., Volk, H.A. The Canine Cognitive Dysfunction Syndrome Working Group guidelines for diagnosis and monitoring of canine cognitive dysfunction syndrome. J Am Vet Med Assoc. 2026;264(4):498–505. doi: 10.2460/javma.25.10.0668.
2. Vitturini, C., Cerquetella, M., Spaterna, A., Bazzano, M., Marchegiani, A. Diagnosis of canine cognitive dysfunction syndrome: a narrative review. Vet Sci. 2025;12(8):781. doi: 10.3390/vetsci12080781.
3. Simon, K.E., Gruen, M.E., Olby, N.J. Current practices for diagnosis and management of Canine Cognitive Dysfunction Syndrome in the United States. Front Vet Sci. 2025;12:1685430. doi: 10.3389/fvets.2025.1685430.
4. Packer, R.M.A., McGreevy, P.D., Salvin, H.E., Valenzuela, M.J., Chaplin, C.M., Volk, H.A. Cognitive dysfunction in naturally occurring canine idiopathic epilepsy. PLoS One. 2018;13(2):e0192182. doi: 10.1371/journal.pone.0192182.
5. Pan, Y., Larson, B., Araujo, J.A., Lau, W., de Rivera, C., Santana, R., Gore, A., Milgram, N.W. Dietary supplementation with medium-chain TAG has long-lasting cognition-enhancing effects in aged dogs. Br J Nutr. 2010;103(12):1746–1754. doi: 10.1017/S0007114510000097.
6. Berk, B.A., Law, T.H., Packer, R.M.A., Wessmann, A., Bathen-Nöthen, A., Jokinen, T.S., Knebel, A., Tipold, A., Pelligand, L., Meads, Z., Volk, H.A. A multicenter randomized controlled trial of medium-chain triglyceride dietary supplementation on epilepsy in dogs. J Vet Intern Med. 2020;34(3):1248–1259. doi: 10.1111/jvim.15756.

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Veranstaltungsort

Schwabenlandhalle - Hölderlinsaal

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08:15 - 09:45 Uhr SA. 06. FEBRUAR
Kleintiere - Moderne Tiermedizin auf neuem Niveau! [Block 4]

Mit freundlicher Unterstützung von Eickemeyer Medizintechnik für Tierärzte KG

Schwabenlandhalle - Hölderlinsaal